JÜRGEN BERGBAUER

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Die realen Orte dieser Bergwelten sind Kiesgruben und Abraumhalden. Keines der fotografierten Objekte übersteigt das Maß des menschlichen Körpers.

Aus ”Nach der Natur - Fotografische Bilder zwischen Illusion und Wirklichkeit”
von Ulrike Lorenz, Katalog zur Ausstellung im Gerhard-von-Reutern-Haus, Willingshausen, 2003

Die Motive aus der Bergwelt entstammen nur scheinbar dem Hochgebirge. In Wirklichkeit findet sie Bergbauer am Wegesrand. Mit dieser Irreführung unsere Wahrnehmung bringt der Fotograf die Widersprüche von Illusion und Wahrheit, Schein und Sein auf den Punkt, die sich mit den neuen Medien Fotografie, Film, Video, nicht etwa auflösen, sondern erst in ihrer ganzen Komplexität zeigen. Bei den Bergbildern basiert die Verführung auf einer mehr oder weniger überzeugenden Illusion. Sie benutzt das rand - oder rahmenlose Bild als Argument, das eine Fortsetzung des im Bild Sichtbaren ins Unendliche vortäuscht. Die Illusion basiert also nicht nur auf dem Spiel mit Größenverhältnissen, sondern eben im besonderen Maße auch auf der Illusion einer Form.
Darüber hinaus nimmt Bergbauer mit seinen ”Gebirgsfotografien” einen Faden auf, den die romantische Kunsttheorie im Begriff des Erhabenen entwickelt hat. Das ”Terror–Erhaben” sprengt die geistigen und visuellen Maßstäbe der Menschenwelt. Der faszinierende Schauder, der sich unweigerlich einstellt, weist über eine reine Freude am Schönen hinaus, weil das was betrachtet wird, neben einer aesthetischen Anmutung auch das Potential der Zerstörung besitzt. Der Fotograf erklärt seine neunteilige Serie ”Substitute” zu einer Art visuelle Analyse der emotionalen Wirkungspotentiale von Landschaftsformen. Er stellt sich dabei bewusst in die Nachfolge der Arbeiten der englische Maler Alexander Cozens und John Constable, die in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts eine Konkordanz zwischen bestimmten Naturkompositionen (”species of landscape”) und den von ihnen evozierten Empfindungen aufstellen und experimentell untersuchen. (…)
Mit seinen Gebirgs–Substituten beschwört und entlarvt Bergbauer ein unbeschädigtes Naturbild als Scheinwahrheit, ohne Schönheit und Begeisterungsfähigkeit auszublenden. Im oszillierenden Spiel mit Glaube und Unglaube an das Abgebildete wird der Betrachter über die Illusion vom Motiv und seiner Aussage zurück zum Medium geführt.